Gsunde Gschichten

 Von Asthma und Burnout über Wechseljahre bis Zöliakie informieren Sie unsere AutorInnen hier über alle Gesundheitsthemen, die das Leben so mit sich bringt - ganzheitlich, mit medizinsch-therapeutischer Kompetenz und inspiriert von der Heilkraft bayerischer Naturschätze. Gönnen Sie sich diese Lesezeit!

Unsere AutorInnen

Recherchieren mit viel Herzblut und schreiben ohne große Schnörkel:

Alle
Blogartikel

Druck in der Arbeit, Ärger im Privatleben, dauerhafter Stress: Wenn die Belastung zu groß wird, behelfen sich viele Menschen heute mit Alkohol oder Medikamenten. Ohne funktionieren sie im Alltag nicht mehr – bis auch das irgendwann nicht mehr hilft. Viele dieser Menschen landen dann in der Saaletalklinik in Bad Neustadt. Dr. med. Helmut Röthke ist der Ärztliche Direktor in der Rehabilitationsklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Im Gesundes Bayern-Interview erklärt er, wie Leistungsdruck zu Suchterkrankungen führen kann, wie Entwöhnungstherapien ablaufen und wie Betroffenen in ein abstinentes Leben zurück geholfen werden kann.

Hr. Dr. Röthke, wie hat sich das Suchtverhalten in den letzten Jahren verändert?

Dr. Röthke: Suchtmittel, seien es Amphetamine oder Alkohol, dienen  zunehmend der Steigerung der Leistungsfähigkeit oder dem Durchhalten von erhöhten Leistungsansprüchen – sprich, der Hamster im Hamsterrad soll immer weiterlaufen. Viele unserer Patienten waren vor ihrer Erkrankung sehr leistungsorientiert. Irgendwann wurde der Druck zu hoch – und sie haben versucht, durch Hilfsmittel noch eine Weile durchzuhalten und weiterzumachen. Bis auch das nicht mehr funktioniert hat. Die meisten Betroffenen haben nie gelernt, sich gegen Forderungen anderer oder die eigene Überforderung abzugrenzen. Das zu erlernen, ist daher ein wichtiger Inhalt der therapeutischen Arbeit bei uns.

Wie läuft die Entwöhnungstherapie in Ihrer Klinik im Detail ab?

Dr. Röthke: Aufgebaut ist sie ähnlich wie eine psychosomatische stationäre Therapie: Es gibt ein relativ dichtes Programm an psychotherapeutischen Gruppen, also einen Stundenplan mit etwa 20 bis 35 Stunden. Die durchschnittliche Behandlungsdauer eines Patienten liegt bei 90 Tagen. Das hängt aber vom individuellen Fall und den jeweiligen Vorerkrankungen, wie Angststörungen oder Depressionen, ab.

Ihre Patienten sollen ja möglichst dauerhaft abstinent bleiben. Dafür müssen sie für den normalen Alltag mit all seinen Schwierigkeiten gewappnet sein – wie bereiten Sie sie dafür vor?

Dr. Röthke: Dafür haben wir verschiedene Maßnahmen. So gibt es etwa spezielle Übungen, in denen ein Patient, innerhalb seiner Therapiegruppe, modellhaft eine Situation löst, die ihm im Alltag schwergefallen ist – zum Beispiel ein Gespräch mit seinem Arbeitgeber. In der Sitzung lernt er, Stressmomente zu bewältigen, aber auch seine eigenen Interessen abzugrenzen und durchzusetzen. Ähnliches sollen die Patienten durch Praktika erfahren. Hier wird konkret im Arbeitsleben erprobt, wie sich der Betroffene im Umgang mit Kollegen verhält oder wie er eben auf Anforderungen und Belastungen reagiert. All seine Erfahrungen werden dann nochmals in der Therapiegruppe besprochen. Außerdem schicken wir unsere Patienten auf so genannte Belastungsheimfahrten. Sprich, mehrtägige Besuche ins häusliche Umfeld oder beim Arbeitgeber.

Und wie geht es nach erfolgreichem Therapieabschluss weiter?

Dr. Röthke: In der Regel machen alle Patienten bei uns eine längere Nachsorge. Das heißt, noch ein halbes Jahr oder Jahr nach der stationären Therapie werden die Patienten weiterhin ambulant, mittels einer Beratungsstelle und einer Selbsthilfegruppe, betreut. Für diejenigen, die nicht oder längere Zeit keinen Arbeitsplatz haben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, bieten wir einen Platz in unserer Adaptionseinrichtung „Maria Stern“ an. Durch ein Ganztagspraktikum sollen die Patienten wieder alle notwendigen Fähigkeiten erlernen, um erneut einer beruflichen Tätigkeit nachgehen zu können – und um ihr abstinentes Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Redaktion GESUNDES BAYERN

Hier schreiben GESUNDES BAYERN-Kolleginnen sowie Gesundheitsexpert/Innen aus den bayerischen Heilbädern und Kurorten.

Kommentare (0)

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.