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Glutenfreies Scheidegg: Hier nimmt man Zöliakie ernst

Gluten vom Speiseplan zu streichen, liegt im Trend: In Deutschland ernähren sich Umfragen zufolge ungefähr zehn Prozent der Menschen bewusst glutenfrei. Auffällig ist, dass nur ungefähr ein Prozent der Bevölkerung sich so ernähren muss, weil es an Glutenunverträglichkeit oder Zöliakie leidet. Die unangenehme Folge des Trends: Die Zöliakiebetroffenen werden häufig nicht für voll genommen – obwohl sie an einer schweren Erkrankung leiden. In Scheidegg im Allgäu ist das anders. Der Urlaubsort hat sich als Glutenfreies Scheidegg voll auf die Betroffenen eingerichtet.

Betroffene finden alles auf einen Blick

Gertrud Heim ist Ernährungsberaterin an der Schwabenland Klinik in Isny-Neutrauchburg. Sie berät unter anderem Zöliakiepatienten und bietet in Scheidegg Gesprächsrunden an, in denen sich Betroffene austauschen. Ihre Patienten und die Teilnehmer der Gesprächsrunden sind vom Glutenfreien Scheidegg begeistert: „So was haben die noch nie irgendwo erlebt, so etwas Organisiertes und Strukturiertes für ihre Bedürfnisse“, sagt Heim. Auf einen Blick sehen die Besucher in der Broschüre, welcher Bäcker, welcher Gasthof, welcher Supermarkt Produkte ohne das für sie so schädliche Klebereiweiß aus dem Weizen anbietet. Es gibt Genusswanderungen, Kochkurse und wenn man essen geht, fällt die langwierige Erklärung, worauf der Koch achten soll, aus. Heim: „Hier weiß das Personal das.“

Anderswo ist das leider nicht so. Heim machte in ihrer Arbeit in den letzten Jahren die Erfahrung, dass zwar viel mehr Menschen als früher von der Glutenunverträglichkeit gehört haben, aber gar nicht wissen, was das eigentlich ist. „Mir erzählen öfter Klinikpatienten mit Verdauungsproblemen, dass es ihnen besser gehe, seit sie auf Gluten verzichten, obwohl bei ihnen keine Zöliakie diagnostiziert wurde“, sagt sie. „Sie stellen sich das nur vor, weil glutenfrei oft mit gesund gleichgesetzt wird.“

Die Zöliakie wird verharmlost

Die neue Bekanntheit der Zöliakie ist für Erkrankte Fluch und Segen zugleich: Einerseits wächst die Verfügbarkeit von glutenfreien Produkten. Andererseits wird die Krankheit häufig als lediglich unangenehme Durchfallerkrankung verharmlost – und ein Koch vergisst unter Zeitdruck mal eher, worauf er achten soll. Heim stellt klar: „Zöliakie ist eine richtig schwere Erkrankung, die auch schwere Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann.“ 

Nährstoffmangel und Wachstumsstörungen

Die  Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung: Der Körper erkennt das Gluten nicht und bildet Antikörper. Er richtet sich gegen sich selbst. „Ein gesunder Darm hat ganz viele Erhebungen und winzige Ausstülpungen“, sagt Heim. „Bei einem Zöliakiepatienten ist die Darmwand degeneriert und ganz glatt.“ Der Darm kann Nahrung nicht mehr richtig verdauen. Die Betroffenen leiden an Nährstoffmangel. Heranwachsende an Wachstumsstörungen.

Eine sichere Diagnose kann nur durch eine Biopsie erfolgen: Man entnimmt ein Stück der Darmhaut und untersucht sie. Heilen kann man die Zöliakie nicht – aber gut therapieren. „Die erste und wichtigste Maßnahme ist, dass das Gluten vermieden wird“, sagt Heim. „Die Darmwand erholt sich dann oft schon innerhalb von drei Monaten.“ So einfach wie das klingt, ist das allerdings nicht. „Das ist ein größeres Problem, weil die Nahrungsmittelindustrie sehr viel mit Weizen arbeitet“, sagt Heim. Das ist ein billiges und leicht zu handhabendes Bindemittel.“ Brot, Nudeln, Soßen, Bier – überall ist Gluten enthalten.

Scheidegg: Ein kleines Paradies

In Scheidegg findet man die glutenfrei Produkte an jeder Ecke. Alleine deswegen ist die beschauliche Westallgäuer Marktgemeinde für Zöliakiepatienten und deren Familien wie ein Paradies auf Erden. Und dieser Eindruck wird auch noch von der malerischen Lage Scheideggs unterstützt. Christian Reichart ist der Besitzer von Christians Dorfkiosk. Sein Laden fungiert als kleine Zweigstelle, der Touristinformation, damit die Gäste hier sieben Tage die Woche persönlich betreut werden können. „Das Besondere hier ist die Weite“, sagt er. „Der Ausblick ist sehr befreiend, weil alles sehr weitläufig ist.“  Die Hügel hier liegen nicht so eng beieinander wie in anderen Teilen des Allgäus. Man sieht hier die Nagelfluhkette in den Alpen und vom Höhenweg sieht man bis zum Bodensee. Reichart empfiehlt: „Am schönsten ist ein Spaziergang auf dem Höhenweg, wenn die Sonne gerade aufgegangen ist. Das mache ich jeden Morgen.“