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Kneippen im Badezimmer: Stärkt das Immunsystem.

Interview mit unserer Kneipp-Expertin

Ines Wurm-Fenkl, Sie sind Heilpraktikerin und unterrichten an der Sebastian-Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen Bewegung und Hydrotherapie. Sie haben das Buch „Richtig Kneippen“ geschrieben und sind von der Lehre Kneipps zutiefst überzeugt. Warum tut uns die Kneippsche Wassertherapie in diesen Corona-Zeiten so gut?

Erst einmal sollten wir uns fragen, warum es uns in diesen Zeiten oft nicht so gut geht. Wir sitzen drinnen; uns fehlen die Reize der Natur. Licht, Luft, Sonne, Wasser, Bewegung, all das erleben wir gerade sehr reduziert. Das kann rein physisch zu Schlafstörungen führen, zu Gelenkversteifungen und Gewichtszunahme. Auf der psychosomatischen Seite fehlt uns die klassische Tagesstruktur, wir bauen durch Unterforderung negativen Stress auf, können leichter Depressionen und Angstzustände entwickeln.

Wie lässt sich da gegensteuern?

Das klassische Naturheilverfahren nach Sebastian Kneipp eignet sich perfekt. Vor allem sein Kernelement, die Hydrotherapie, also die Wasseranwendungen. Erstens, weil sie wunderbar vorbeugend und heilend wirkt. Zweitens, weil man sie ohne jegliche Unterstützung und Hilfsmittel überall, also auch zu Hause, durchführen kann.

Wie funktioniert die Hydrotherapie nach Kneipp?

Durch kaltes Wasser. Das setzt einen Reiz, auf den der Körper reagieren muss, denn er möchte ja seine ursprüngliche Temperatur wieder erreichen. Also produziert er in den Muskeln und bestimmten Organen wie der Leber Wärme. Diese Wärme wird vom Blut aufgenommen und durch den Körper geschickt. In dieser verbesserten Durchblutung steckt das ganze Geheimnis der Hydrotherapie. Denn dadurch werden Abwehrstoffe intensiver gebildet und transportiert. In anderen Worten: Das Immunsystem wird kräftig angekurbelt. Und das schützt uns vor ganz vielen Krankheiten zum Beispiel der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts, aber auch vor Entzündungen, Allergien und Tumoren. „Den Abgehärteten greift nichts an“, hat Kneipp gesagt und dass die Verweichlichung „Tür und Tor für sämtliche Krankheiten öffnet“. Das ist auch längst wissenschaftlich bewiesen.

Gilt das nur für physische Erkrankungen oder auch für den seelischen Bereich?

Die Wassertherapie erhöht die Stresstoleranz, und das wiederum bedeutet Schutz vor Krankheiten der Seele. Kneipp heilte im 19. Jahrhundert auch Patienten mit Nervenkrankheiten, das wird heute oft vergessen.

Was für Hilfsmittel braucht man für die Hydrotherapie zu Hause?

Nicht viel. Einen Wasseranschluss, ein Waschbecken und eine Schüssel oder Eimer. Und ein paar Minuten Zeit jeden Tag.

Und wie sieht das Kneippen zu Hause konkret aus?

Zunächst einmal sollte Ihnen klar sein, dass Sie Ihr Immunsystem trainieren. Und wie immer bei einer neuen Trainingsart fängt man mit kleinen Übungen an. Die sind aber bereits sehr wirksam. Ich empfehle drei kurze Anwendungen pro Tag, das ist für jeden zu schaffen.

Eiskalt duschen gleich in der Früh?

Aber nein! Der Ganzkörperguss ist etwas für Fortgeschrittene und gar nicht unbedingt nötig. Beginnen Sie den Tag, indem Sie Ihren Oberkörper mit 16-18°C kaltem Wasser abwaschen. Ins Wasser können Sie einen Spritzer Obstessig hineingeben, das desinfiziert und wirkt antibakteriell. Waschen Sie auch den Rücken, am besten mit einem Gästehandtuch. Dieser Kältereiz regt das Immunsystem bereits spürbar an. Spätestens nach 10 bis 15 Minuten fühlen Sie die Wärme, die Ihr Körper erzeugt hat.

Das klingt ja ganz einfach. Und dann?

Nachmittags gönnen Sie sich dann die „Tasse Kaffee für Kneippianer“. So nennen wir das Armbad. Es wirkt belebend, ohne aufzuregen. Und es aktiviert die Atemwege, weil man stärker durchatmet. Füllen Sie einfach ein Waschbecken mit 18-20°C kaltem Wasser und tauchen Sie die Arme bis zu den Ellbogen 20 Sekunden lang ein. Dann das Wasser abstreifen und die Arme an der Luft trocknen lassen. Bewegen Sie sie dabei ruhig ein bisschen.

Und was machen wir abends?

Abends gibt es eine Runde Wassertreten auf dem Balkon, auf der Terrasse oder einfach nur im Badezimmer. Sie brauchen keinen Kneipp-Parcours, es reicht ein Eimer oder eine Schüssel mit kaltem Wasser bis zur Höhe der halben Wade. Steigen Sie hinein, heben Sie zehn Sekunden lang wie ein Storch abwechselnd die Beine. Danach steigen Sie wieder heraus, streifen das Wasser von den Beinen ab und treten noch ein wenig auf der Stelle, bis die Füße wieder warm sind. Das Blut wird aus dem Kopf in die Beine abgeleitet, das „Kopfkino“ hört auf, Sie entspannen sich und werden tief und wunderbar schlafen! Und auch diese Übung stärkt das Immunsystem. Nur bei akuten Blasen- und Nierenerkrankungen dürfen Sie sie nicht anwenden.

Und diese Übungen haben keine Nebenwirkungen?

Keine einzige. Sie sollten die Übungen aber nur machen, wenn Ihr Körper vorher schon warm ist.

Haben Sie noch mehr Tipps, wie wir mit Kneipp gut durch Corona kommen?

Wenn Sie auch zu den Menschen gehören, die jetzt im Home-Office arbeiten und ständig bei Video-Konferenzen auf den Bildschirm starren: Probieren Sie doch ein Augenbad! Einfach die geöffneten Augen 10-20 Sekunden lang in eine Schüssel mit kaltem Wasser halten, dabei ein bisschen mit dem Lidern klappern und die Augen rollen. Das brennt am Anfang ein bisschen, aber das gibt sich. Machen Sie es täglich! Es hilft fantastisch gegen übermüdete, trockene und empfindliche Augen, auch bei Heuschnupfen. Und es stärkt die Abwehrkräfte der oberen Atemwege und des Stirn-Nasen-Nebenhöhlenbereichs.

Ihr Mann Toni Fenkl ist als „Barfuss-Indianer“ ja ein bekannter Verfechter des Barfußlaufens als Heilmethode. Bringt das eigentlich auch was, wenn wir in den eigenen vier Wänden isoliert sind?

Natürlich! Machen Sie doch einfach einen Zimmerspaziergang! Stellen Sie sich im Bad in den wassergefüllten Wassereimer, steigen Sie dann auf ein Handtuch daneben und gehen Sie dann so lange barfuß durch die Wohnung, bis die Füße trocken sind. Ein toller Reiz für den Körper, und so einfach! Klar, Tautreten in einer Allgäuer Sommerwiese ist etwas anderes, aber das kommt ja auch bald wieder.

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