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Wie Yoga in Krisenzeiten helfen kann

Wiebke Zint ist seit über 35 Jahren Yoga- und Meditationslehrerin. Schon in ihrer Jugend beschäftigte sie sich intensiv mit Philosophie und Meditation. Später ging sie in die Lehre bei namenhaften Yoga- und Zen-Meistern wie Kyo-un Roshi Pater Willigis Jäger und dem 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso. Heute leitet die 71-Jährige gemeinsam mit ihrer Tochter die AYAS Yoga Akademie in Bad Hindelang. Wir haben mit ihr über die Rolle von Yoga in Krisenzeiten und über das Urlaubsangebot „Zeit für Stille – Zeit für dich“ gesprochen.

 

Was meinen Sie: Inwiefern beeinflusst die Corona-Krise die Gesundheit der Menschen?

Jede Art von Stress ist schädlich für den Körper. Wir haben Angst, wir dürfen nicht raus, wir bangen um unsere Zukunft. Es gibt Studien, die zeigen, dass Stress Diabetes begünstigt, mehr als die Ernährung sogar. Und dass jede Art von Stress das Immunsystem entgleisen lassen kann, was eine riesige Auswirkung auf die Gesundheit hat.

Zudem haben die Menschen nicht mehr so viel geistige Stabilität und mentale Stärke, sie lassen sich schnell verunsichern und haben wenig Vertrauen in sich selbst. Der Mangel an Vertrauen, ob in sich selbst oder in Mitmenschen, ist ein erster Schritt in die Depression. Ich denke, dass diese Zeit eine große Auswirkung auf unsere Psyche hat, aber auch auf den Körper.

 

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Menschen?

Mit einer Situation umzugehen, die wir überhaupt nicht kennen. Es hat ja schon Pandemien gegeben. Aber die meisten Menschen, die die Spanische Grippe miterlebt haben, sind inzwischen nicht mehr da. Und so ein Virus ist nichts Konkretes. Es ist etwas, das wir nicht fassen können. Die Virologen sehen es vielleicht unter ihren Mikroskopen, aber wir können es nicht sehen, und das macht uns Angst.

 

Haben Sie einen Tipp, was Menschen gegen diese Angst unternehmen können?

Wir haben heute leider kaum noch Anbindung an etwas, das höher ist als wir. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ein spiritueller. Ich habe hohes Vertrauen, dass es irgendwo in mir und in den Menschen um mich herum etwas sehr Positives gibt. Darauf sollten sich die Menschen jetzt fokussieren: auf etwas Positives und auf die eigenen inneren Ressourcen. Ich besinne mich auch aktuell immer wieder darauf, was ich bisher schon geleistet und erreicht habe in meinem Leben. Ich denke, jeder Mensch hat schon Großes vollbracht – dem sollte sich jeder für sich bewusstwerden.

Meditation ist ein Weg, sich wieder auf all das zu besinnen. Das muss nicht die klassische Meditation im Sitzen sein. Wir Menschen sind unterschiedlich. Ich kann sechs Wochen alleine irgendwo sitzen, das macht mir nichts aus. Aber so geht es nicht jedem. Auch einen bewussten Gang in die Natur kann man als Meditation nutzen - zum Beispiel in Form von einer Gehmeditation. Oder ein gutes Buch, wenn ich mich nur darauf ausrichte.

 

Inwiefern beeinflusst Stress die Gesundheit?

Alles hat Auswirkungen auf unseren Körper: Wenn wir Stress haben, bekommen wir Nackenschmerzen, die gesamte autochthone Muskulatur, also ein tiefliegender Teil der Rücken- und der Brustmuskulatur, spannt sich an. Wir bekommen Schmerzen, obwohl wir eigentlich gar nichts haben. Außerdem hat Stress Auswirkungen auf das sogenannte Bauchhirn, das uns eigentlich intuitiv steuert, also keine Befehle vom Gehirn erhält. Wenn das gestört wird, zum Beispiel durch Stress, hat das große Auswirkungen auf unser Immunsystem.

Deshalb haben die philosophischen Yoga-Traditionen zeitlose und hochmoderne Konzepte entwickelt, in denen es darum geht, auch Ursachen für vorhandene Schmerzen oder Probleme zu finden und nicht nur schnelle Lösungen. Das, was die philosophischen Traditionen vermitteln, ist für uns sehr wertvoll, weil sie einerseits auf körperlicher Ebene ansetzen und andererseits auf psychomentaler Ebene wirken.

Und deswegen ist Yoga nicht nur Gymnastik im Asiastil - wie ich immer sage - sondern eine Bewusstseinsschulung, die uns lehrt mit unserem Körper wieder in Kontakt zu kommen und Atem, Geist und Körper wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.

 

Wie kann Yoga und Meditation die Menschen zu Hause oder allgemein im Alltag unterstützen?

Yoga auf der Matte alleine nützt nichts. Ich muss es mit in den Alltag nehmen und es zu einem Verhaltensmuster etablieren. Yoga im Alltag zu üben bedeutet: Ich sorge für mich!

Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die die positive Wirkung von Meditation auf den Körper belegen. Zum Beispiel bei Asthma, zur Stärkung des Immunsystems und des Gehirns. Der Dalai Lama hat das mal so wunderbar bezeichnet: Wenn ich meditiere, dann ist das nichts anderes als Bodybuilding fürs Gehirn. Beim Meditieren wird das Gehirn so sehr gestärkt, dass es irgendwann zur Erleuchtung kommen kann. Und das verändert die Menschen enorm.

 

Gibt es einfache Übungen, die die Menschen zu Hause machen können? Wenn ja, welche?

Ja, es gibt spezielle Atemtechniken, die entspannen und auch beim Einschlafen helfen.

Eine ganz einfache Atemübung ist folgende: Man legt eine Hand auf den Bauch und eine Hand auf die Brust. Dann fängt man einfach an den Atem bewusst zu lenken, ohne ihn zu pressen. Man versucht tief in den Bauch einzuatmen und ganz lang und fein auszuatmen. Man kann sich dann mit der Zeit so in die Übung einschwingen, dass man am Ende doppelt so lange aus-, wie einatmet. Das ist Übungssache. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Einatmung das Nervensystem aktiviert und uns mit neuer Kraft versorgt, die Ausatmung dagegen unseren Geist beruhigt. Diese Übung kann man gut auch abends im Bett machen.

Eine zweite gute Übung ist die sogenannte Nasen-Wechselatmung, bei der man immer durch ein Nasenloch einatmet, den Atem kurz anhält und durch das andere Nasenloch wieder ausatmet. Wichtig hierbei ist, dass man das andere Nasenloch jeweils leicht zuhält und mit dem linken Nasenloch beginnt. Die linke Seite, das weiß man auch aus der Forschung, regt das Beruhigende im Nervensystem an.

Was ich immer gern mitgebe, sind kleine Bewegungseinheiten, damit sich das autochthone Muskelsystem entspannen kann. Da sind leichte Übungen in Kombination mit dem Atem wichtig. Es müssen dann gar nicht die klassischen Asanas (Yoga-Stellungen) sein, es reicht schon, wenn man ein paar bewusste Atemzüge nimmt und sich wieder aufrichtet.

Auch sehr wichtig heutzutage: Die Atemhilfsmuskulatur zu stärken. Die meisten Menschen haben durch die Arbeit am Schreibtisch im Brustbereich sehr verkürzte Muskeln. Hier helfen aufrichtende Übungen. Zum Beispiel einfach immer wieder die Arme heben, die Handflächen zusammenführen und bewusst in den Brustraum atmen. Solche Übungen sind vor allem auch während der Corona-Zeit jetzt wichtig, damit die Lunge richtig durchflutet und somit gestärkt wird. Auch für Menschen mit chronischen Lungenproblemen oder Grippe sind solche Übungen wichtig.

Wenn man nicht schlafen kann, empfehle ich Kniegüsse. Das regt die Durchblutung in den Füßen an. Im Kneippschen sagt man, die Kniegüsse und das Gehen im Wasser sind das Dämpfende, Beruhigende. Wenn man morgens dagegen fit werden möchte, dann sollte man Armgüsse machen.

 

Haben Sie darüber hinaus Tipps für die Menschen, wie sie die aktuelle Situation bestmöglich meistern können?

Das Positive sehen. Krise bedeutet auch Chance. Ich lerne gerade ganz viel, nutze die Zeit für mich. Natürlich sehe ich auch die Angst der Menschen, aber ich sehe auch ganz viel Hoffnung-Machendes: zum Beispiel, dass die Welt sich mal entschleunigt, wir uns auf andere Werte besinnen und dass wir auch andere Wege gehen können. Die Krise kann uns auf menschlicher Ebene wieder kreativer machen, man hat wieder Kapazitäten frei, ist nicht mehr so im Stress, hat Zeit und Ruhe für sich selbst.

 

Können Sie das Angebot „Zeit für Stille – Zeit für dich“ näher beschreiben?

Das Angebot richtet sich an Menschen, die raus aus ihrem Alltag und rein in die Stille wollen. Entstanden ist es in Kooperation mit dem Dachverband GESUNDES BAYERN und Bad Hindelang als bayerisches Heilbad. Es ist eine Kombination aus Stressmanagement und Urlaub im Allgäu. Am Morgen bekommen die Teilnehmer Wissen an die Hand, das sie dann am Nachmittag und Abend für sich trainieren können. Das sind kleine Übungseinheiten, die kein spezielles Equipment, wie eine Yogamatte, brauchen, sondern überall, auf dem Bett oder einer Parkbank, durchgeführt werden können. Sie lernen bewusst einen Cut zu machen, wenn sie zum Beispiel aus der Firma gehen. Nicht die ganzen Gedanken von der Arbeit mit in die Freizeit zu nehmen. Einen Tag lang machen wir auch eine sogenannte Gehmeditation, bei der die Sinne angesprochen werden. Wir gehen an der Ostrach (20 Kilometer langer Zufluss der Iller) vorbei und spüren, wie das Wasser auf uns wirkt, oder der Wald oder die Luft. Das nennt man „Schulung der Sinne“. Es geht nicht nur darum, was ich höre, sondern was ich dabei empfinde. Und das verändert die Menschen enorm.

Ein wesentlicher Aspekt dieses Angebotes ist es, dass die Menschen rauskommen aus ihrem sozialen Umfeld, in eine ganz andere Gegend. Und dass sie Zeit für sich bekommen und eine Anleitung, wie sie diese Zeit auch nutzen können. Zudem ist das Angebot als Bildungsurlaub und Präventionskurs anerkannt und kann so bezuschusst werden.

 

Was macht Bad Hindelang zum idealen Ort für Achtsamkeits- und Entspannungsseminare?

Seine Natur! Wir haben Wälder, Flüsse, Bergseen und Wiesen, an und in denen wir unsere Übungen machen können. Außerdem ist Bad Hindelang auch Kneipp-Bad. Aus der ayurvedischen Lehre kennen wir die Wasseranwendungen. Im Sommer bekommen die Gäste von uns gezeigt, wie sie die Kneipp-Anlagen nutzen können, um ihren Körper zu unterstützen. 

Zertifiziertes Angebot aus Bad Hindelang