Um den Staufen laufen

Vor ein paar Tagen bin ich gerade einmal mehr schlecht denn recht um den Staufen gelaufen, diesen Berg, der sich am Rand von Oberstaufen so buckelig erhebt. Vormittagsspaziergang nach trockenem Knäckebrot und heißem Tee. Mehr gibt es nicht zum Frühstück, wenn man mithilfe des Schroth‘schen Konzepts sich richtig runderneuern möchte. Dass ich das jemals tun würde, hätte ich nicht gedacht. Fasten und schwitzen, statt tauchen und schlemmen. Mich nicht auch noch im Urlaub auspowern, sondern meinem Körper endlich mal etwas Gutes tun. Ein Wagnis, jedenfalls für mein rastloses Ich. Also ab ins Abenteuer der anderen Art.

Statt abendliches Büfett oder Fünf-Gänge-Menü gibt es nun vor allem gesunde Kost mit frischen Kräutern und leckerer Kreativität. Man soll zwar nicht hungern, doch kalorienreduziert ernähren. Dabei steht das Abnehmen nicht an erster Stelle. Über ein paar Kilos weniger würden meine Mit-Schrothler und ich uns aber freuen.

Kein Dunkle Schokolade mit Cookies in der Waffel

Zum Eingewöhnen und Ankommen rein in die Wanderschuhe und ab um den Staufen – ohne Eis an der Eisdiele und ohne coffee-to-go vom Bäcker: Zur Orientierung schließe ich mich meinem Tischnachbarn an. Er ist erfahren und kennt sich aus, mit den Bergen und dem Schrothen. Meine Bedenken versucht er mir, zwischen gelbem Löwenzahn, dunklen, hohen Tannen und den letzten in schattigen Ecken versteckten Schneeresten zu nehmen. Der Erfolg ist nicht gerade auf seiner Seite.

Johann Schroth, seines Zeichens Fuhrmann im schlesischen Niederlindewiese, hat vor fast 200 Jahren dieses heilsame regenerierende Naturheilverfahren erfunden. Es tut dem Körper und der Seele gut. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte es mit dem letzten kundigen Schroth-Arzt, Hermann Borsig, nach Oberstaufen. Seitdem pilgert die Fan-Gemeinde in die Schroth-Hochburg, um sich einmal mehr Gutes zu tun, als nur ein kurzes Wellness-Wochenende im Bademantel zu verbringen. Wobei ich allerdings auch hier in meinem flauschigen Lieblingsstück ganz schön viel Zeit verbringe - zwischen Massagen, Kräutertee und Pool. Zum Entspannen kommt dann noch die Bewegung – bergauf und bergab – und schon fühlt es sich an, als hätte mich der schlesische Fuhrmann eigenhändig in den Jungbrunnen geworfen.

Kalte Wickel in der Nacht

Als Monika Aigner, Inhaberin des Hotels Kronenhof und absoluter Schroth-Fan, am Abend bei einem Glas Grauburgunder noch einmal den morgendlichen Ablauf erklärt, wird mir ziemlich mulmig. Zwischen 3.30 Uhr und 4.30 Uhr soll es losgehen. Das ist mitten in der Nacht. Da schlafe ich! Besonders abschreckend: Ich werde nicht nur geweckt, sondern auch in feuchte, kalte Tücher gewickelt – für mich als Erst-Schrothlerin eher furchterregend. Das will doch wirklich niemand. Und doch sitzen in der Gaststube viele Wiederholungstäter – die müssen das also wollen.

Augen zu und durch, beziehungsweise ganz schnell schlafen. Der Magen knurrt sanft vor sich hin. Die Augen fallen zu.

Ein leises Klopfen und schon steht sie mit einer heißen Tasse Tee und einem gutgelaunten „Guten Morgen“ neben dem Bett - die Packerin. Die Berufsbezeichnung, sie gibt es wirklich, passt nicht so recht zu der grazilen Frau, die nun mein Bett für die Packung bereitet. Ein riesiges kalt-feuchtes Laken, dazu ein paar flache Wärmflaschen. Es kostet mich Einiges an Überwindung, mich dort splitterfasernackt hineinzulegen.

Tief durchatmen, Luft anhalten. Eng presst Eva das feuchte Tuch um mich herum, stopft hier und da, zieht und zurrt: „Es wird gleich warm, das geht ganz schnell, der Herr Schroth wusste ganz genau, was für den Körper gut ist.“ Meinen Körper kannte er aber nicht, schießt es mir durch den Kopf.

Rescue, aber bitte ganz schnell

Dann folgen trockene Tücher, dicke, warme Wolldecken - der Kokon sitzt perfekt. Jetzt heißt es aushalten, eineinhalb bis zwei Stunden lang bewegungslos liegen. Drehen, wenden, zappeln – Fehlanzeige. Und wehe die Nase juckt. Dafür gibt es den Rescue-Knopf, der wurde glücklicherweise gleich mit eingewickelt – das beruhigt.

Und dann, dann breitet sich auf einmal eine wohlige Wärme aus. Meine erste Packung! Es fühlt sich gut an. Die Kälte hat sich aufgelöst. Der Körper reagiert, fängt langsam an, gegen das Frieren anzuarbeiten, wird warm und schwitzt. Keine Ablenkung, kein Smartphone, keine Alexa, einfach nur den Körper spüren.

„Künstliches Fieber“ soll erzeugt und der Stoffwechsel angeregt werden. Füße, Rücken, Bauch, Arme und Hände kommen auf Temperatur. Es fühlt sich gut an. Besser als jedes Bad im finnischen Eisloch nach der heißen Sauna. Die Schulter zieht, Schwachstellen reagieren besonders heftig auf die Kalt-Warm-Behandlung. Es fühlt sich gut an. Auch die Physiotherapeutin wird später bei der Massage von der geleisteten Vorarbeit ganz begeistert sein.

Bitte nicht stören – ich schlafe!

Ich habe die erste Kalt-, Warm-Packung überstanden – und ich habe es genossen. Die Herausforderung ist gelungen: Die Gefäße haben sich durch die Kälte verengt, dann wurde Wärme produziert, die Arterien stärker durchblutet, Heilfieber hervorgerufen, die Abwehrkräfte angeregt und Schadstoffe über die Haut abtransportiert – klingt nach Schwerstarbeit, war es wahrscheinlich auch. Der Schlaf danach ist nicht Kür, sondern Pflicht. Er ist tief und fest und irgendwie auch ganz schön lebhaft. Traumwelten entstehen. So fest schlafe ich zuhause nie. Der Stress fällt spürbar ab, das große Durchatmen beginnt. Frische Bergluft von außen, dazu die innere Wärme, wohliger geht es nicht. Vollkommene Geborgenheit, vollkommene Entspannung, ungeahnte Kräfte werden aktiviert, das Immunsystem gestärkt, Energie freigesetzt. Es geht mir gut. Das Leben ist fantastisch!

Ich bin nicht die einzige, der es so geht. Die Stimmung ist ausgelassen, ein Strahlen umgibt die Neu-Schrothler, die alten grinsen sich verstohlen an, die Wirkung ist ihnen durchaus bekannt.

Und ewig lockt der Apfelkuchen

Der Bewegungsdrang schlägt wieder zu. Schnell noch ein Knäckebrot als Notration in die Jackentasche stecken (das ist erlaubt) und schon geht es los. Die Königsalm ist das Ziel, bergab, bergauf und später eine Tasse Tee zur Belohnung. Hier hätte ich mich normalerweise mit Milchkaffee und frischgebackenem, warmen, duftentendem Apfelkuchen mit einem Klacks Sahne belohnt – doch der Gruppenzwang hilft. Ich bleibe beim Tee.

Neben den Wickeln und der fettfreien, salzlosen Ernährung gehört zum Schroth-Urlaub auch der Wechsel aus Ruhe und viel Bewegung. Nicht umsonst stehen sogar Tanzschuhe auf der Packempfehlung. Manche lieben es, wahrscheinlich so ein bisschen wie Fasching, andere kraulen lieber durch den Pool oder steigen aufs E-Bike, so wie Joachim. Mit 29 Jahren hat er zum ersten Mal geschrothet. Das war vor knapp 20 Jahren. Seit damals schwört der Endvierziger auf kalte Wickel, viel Bewegung und die magere Kost. Er habe es quasi von den Eltern geerbt, denn die seien nach ihren Schrothkuren immer vollkommen glückselig und entspannt gewesen. Damals kurte man noch mindestens drei Wochen. Auch Joachim will so lange bleiben. Sein Job hat seine Work-Life-Balance ausgehebelt. Er braucht jetzt Zeit für sich, will seine mentale Stärke, seine Gelassenheit  wiederfinden und gleichzeitig auch dem reichlich vorhandenen Körper etwas Gutes tun. Auf ein paar Kilos könne er gut verzichten, ruft er noch schnell und strampelt auch schon mit dem E-Bike davon – niedrigste Unterstützung, hoher Gang.

Lasst mich bitte länger bleiben!

Nach wie vor werden drei Wochen für den optimalen Erfolg empfohlen. Doch es geht auch kürzer. Zehn Tage gelten als Minimum. Nadja bleibt nur eine Woche, mehr geht nicht. Nach drei, vier Tagen sind Arbeitsstress und Dauerbelastung aus ihrem Gesicht verschwunden. Die Haut ist geglättet, von den Augenrändern fehlt jede Spur und ihre Energie kann sie nur noch schwer bändigen. Einfach nur rauskommen, etwas anders sehen und dem Körper Gutes tun, das war ihr Wunsch als Schroth-Neuling. Früher standen jede Woche Hotelübernachtungen im Terminplan, das fehlt. Sie musste raus. Warum also nicht schrothen. „Es fühlt sich absolut befriedigend und rein an. Man kann alles von sich abschütteln und bekommt dabei ein ganz anderes Verhältnis zum Essen.“ Die 41-jährige Mutter eines kleinen Sohnes ist begeistert von den kalten Wickeln und dem Durch-die-Landschaft-toben und verspricht dabei auch gleich, ihren Körper in Zukunft wieder besser zu behandeln.

Eines Tages ein Halb-Marathon? Alles ist möglich!

Dass es beim Schrothen so entspannt und ausgelassen zugehen würde, damit hatte weder sie noch ich gerechnet, als wir uns am ersten Abend zum Pflaumensüppchen in der Bauernstube getroffen haben. Der Abend wurde lang. Die Nacht war kurz. So sind sie eben die Schrothler, eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich fast schon ein wenig wie Klassenfahrt anfühlt - die zusammen albert, zusammen hungert, wandert, radelt, schwimmt und sich dann mitten in der Nacht in kalte Tücher wickeln lässt. Und das fühlt sich von Tag zu Tag auch immer besser an. Das Schwitzen geht leichter. Der Stoffwechsel ist angekurbelt und bei mir macht sich plötzlich eine ganz besondere Vorfreude breit - auf die nächste Packung und auch schon auf nächste Klassenfahrt in Sachen Schroth.

Danach gibt es auch endlich neue Laufschuhe für die 45-Minuten-Marke. Die knacke ich dann locker.

 

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Ihr Experte
Kirsten Panzer
Kirsten Panzer hat sich während ihres Ethnologie-Studiums in München auch um das Thema Gesundheit, Rituale und Heilkunde in fernen Ländern gekümmert. Inzwischen erkundet die gelernte Journalistin die Welt für Tageszeitungen und Magazine mit Pferd, Wanderschuhen, Segelboot, Kanu oder Ski und kehrt zum Thema Gesundheit regelmäßig nach Bayern zurück. Das Krafttanken gelingt ihr hier zwischen Hügeln und Bergen, Wiesen und Seen am allerbesten. Und den bayerischen Himmel vermisst sie auch nach Jahren im Norden immer noch.

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