Sehen und gesehen werden in den Bayerischen Staatsbädern

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Wer was auf sich hielt fuhr ins Bad, um sich in mondänen Kurorten mit gesundem Mineralwasser, Naturmoor und anderen Heilmitteln um die Gesundheit zu kümmern. Doch nicht nur das, denn gerade in den Dekaden vor und nach dem Jahr 1900 wollte man hier auch Gleichgesinnte sehen und von ihnen gesehen werden. Entsprechend hoch war zu Glanzzeiten die Dichte an namhaften Gästen: Könige und Königinnen, Zaren und Zarinnen, Kaiser und Kaiserinnen, dazu Literaten, Musiker, Künstler und andere wohlhabende Bürger – sie alle trafen sich in den Bayerischen Staatsbädern.

Für ein paar Wochen fast sowas wie eine Privatperson sein! Sich amüsieren, ungehindert spazieren gehen, durchatmen, zur Ruhe kommen und auftanken. Gerade für Persönlichkeiten von Rang und Namen waren diese Verheißungen ein Traum. So wurde das „Bad“ zum Sehnsuchtsort, in dem die Mitglieder der „besseren Gesellschaft“ oftmals die Freiheit erlebten, sich – zumindest für die paar Wochen des Aufenthalts – neu erfinden zu können. Ohne enge Regeln, Zwänge, Gepflogenheiten, Verpflichtungen. So wurde auch in den fünf Bayerischen Staatsbädern Bad Bocklet, Bad Brückenau, Bad Kissingen, Bad Reichenhall und Bad Steben die Kur nicht nur zum gesundheitlichen Erlebnis: Sie wurde zudem zum gesellschaftliches Ereignis! Man traf sich in repräsentativen Wandelhallen, flanierte in eindrucksvollen Kurparks, lauschte Kurkonzerten vor prunkvollen Bühnen und tat dazwischen, was einem der Badearzt an wohltuenden Anwendungen empfahl.

 

Bad Kissingens noble Besucherliste

Gerade das unterfränkische Bad Kissingen, das seit Sommer 2021 zum UNESCO-Welterbe zählt, galt unter den Bayerischen Staatsbädern als „the place to be“. Den Startschuss gab König Ludwig I., der die klassizistische Optik des Orts maßgeblich mitgestaltete: Er überzeugte sich als Kronprinz erstmals 1820 von den Wirksamkeit der heilenden Bäder und besuchte in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Bad Kissingen, auch mit seiner Frau Therese von Bayern. Sein Sohn König Max II. kurte ebenfalls mehrmals in Unterfranken. 1852 etwa wurde er von seiner Frau Marie und deren Kindern und späteren Königen Ludwig II. und Otto I. begleitet – inklusive eines 65-köpfigen Hofstaats!

Die Entourage des Zaren Alexander II. war fünf Jahre später mit 200 Personen noch deutlich ausladender. Der russische Herrscher quartierte sich mit seiner Gattin Marie unter dem Pseudonym „Graf und Gräfin Borodinsky“ insgesamt drei Mal ein – eine trickreiche Methode unter den Royals, um abseits des offiziellen Protokolls etwas mehr Freiheiten genießen zu können. 1864 kam das Zarenpaar erneut, zeitgleich mit dem jungen Bayerischen König Ludwig II. (der auch 1866 und 1868 nochmal da war) und dem österreichischen Kaiserpaar Franz Joseph und Elisabeth (Sisi). Sisi logierte vorher und nachher als „Gräfin von Hohenembs“ auch alleine im Bayerischen Staatsbad: Sie war sechs Mal vor Ort, zuletzt in ihrem Todesjahr 1898.

 

Von Politikern, Komponisten und AutorInnen 

Eine Persönlichkeit besuchte Bad Kissingen jedoch noch öfter als alle anderen: Der gesundheitlich angeschlagene Reichskanzler Otto von Bismarck war zwischen 1874 und 1893 immer wieder mehrere Wochen zum Abspecken und Ausbalancieren da. Ein Attentat bei seinem ersten Besuch, dem er entgehen konnte, hinderte ihn nicht daran, auch danach wieder zu kommen – stolze 14 Mal. Allerdings residierte er fortan nicht mehr im Ort selbst, sondern abgeschirmt im heutigen Stadtteil Hausen, wo er zwischen Konsultationen und Anwendungen auch Weltpolitik machte: Unter anderem diktierte er 1877 seinem Sohn Herbert das „Kissinger Diktat“, in dem er seine defensive, diplomatische Außenpolitik erläutert.

Wegen des ausgesprochen guten Rufs des Kurorts ist auch die Liste weiterer Gäste enorm illuster. Unter anderem war die „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley (1842) zu Gast, gefolgt von Opern-Komponist Gioachino Rossini (1856), Autor Leo Tolstoi (1860), Klavierfabrikant Charles Steinway (1864), Verleger Heinrich Brockhaus (1869), Maler Max Liebermann (1884), den Schriftstellern Theodor Fontane (1889), George Bernard Shaw (1912) und Alfred Döblin (1916), Komponist Richard Strauss (1934) sowie den Politikern Theodor Heuss (1954) und Franz-Josef Strauß (1959).

Prestigevolles Bad Brückenau

Im nur 30 Kilometer entfernten Bad Brückenau ging es ebenfalls hochkarätig zu: Schon als Kronprinz verliebte sich der spätere König Ludwig I. 1818 in den romantischen Ort im Tal der Sinn. Um der engen Residenz in München regelmäßig entfliehen zu können, ließ er sich im pastellgelben Fürstenbau seinen Sommersitz einrichten und herrschte viele Wochen lang von dort aus. Ganze 26 Mal reiste er in das Bayerische Staatsbad, zum letzten Mal 1862, sechs Jahre vor seinem Tod.

Zahlreiche prominente Gäste taten es ihm gleich. 1830 etwa genoss Zarin Alexandra, die Kaiserin von Russland, die herrschaftliche Ruhe des Orts. Die österreichische Kaiserin Elisabeth alias Sisi suchte auch in Bad Brückenau Erholung, sie wohnte 1898 im klassizistischen Elisabethenhof, in dem der international anerkannte Urologe Dr. Felix Schlagintweit praktizierte. 50 Jahre später tagte im Parkhotel mit dem späteren Kanzler Konrad Adenauer der „Ellwanger Kreis“, währenddessen wesentliche Teile des Grundgesetzes und der Name „Bundesrepublik Deutschland“ formuliert wurden.

 

Feines Publikum in Bad Bocklet und Bad Steben

Zwischen den beiden Pracht-Kurorten liegt das bezaubernde Bad Bocklet, dessen eisenhaltige Heilquelle 1725 der Würzburger Fürstbischof Christoph Franz von Hutten fassen ließ. Inmitten der anmutigen Bauten mit Walmdächern, pastellblauen Fensterläden und gelb-weißen Fassaden flanierte unter anderem Kronprinzessin Marie von Preußen, die Ehefrau des späteren König Max II. Mit Moorbädern und Trinkkuren kümmerte man sich hier 1844 um ihre Fruchtbarkeit – so dass sie, nach einer Fehlgeburt im Jahr zuvor, bald tatsächlich ihr erstes Kind auf die Welt bringen konnte: Im Sommer 1845 wurde der späteren „Märchenkönig“ Ludwig II. geboren. 1852 stattete sie Bad Bocklet als Königin von Bayern einen erneuten Besuch ab.

Etwas weiter östlich, in Bad Steben, kurte Marie ebenfalls – im Jahr 1851 und zusammen mit ihrem Gemahl König Maximilian II. Damals erlebte der Ort gerade seinen ersten Aufschwung. Populärer wurde Bad Steben vor allem um und kurz nach der Jahrhundertwende. Zu dieser Zeit war auch Bertolt Brecht angereist: Der spätere Dramatiker kam 1913 als 15-Jähriger in Begleitung seiner Mutter in den Kurort, um sich vier Wochen lang seiner Nervosität und den Herzbeschwerden zu widmen. Laut seines Tagebuchs mit Erfolg: „Nahm 14 Bäder. Trank Stahlwasser. Befinden sehr gut. Herzbeschwerden jetzt fast verschwunden.“

 

Sehr gutes Publikum in Bad Reichenhall

Und ganz im Süden Bayerns, in Bad Reichenhall? Versammelte sich natürlich ebenfalls die europäische Hautevolee. Der frisch gekrönte Maximilian II. von Bayern gab für das Erblühen des Orts den Startschuss: Er weilte 1848 in der Sole- und Molkekuranstalt Bad Axelmannstein, die zwei Jahre zuvor als erstes Kurhotel des Orts eröffneten worden war. Schnell wurde das Haus zum Herzstück des gesellschaftlichen Badekur-Lebens.

Was dem König gefiel, wollten auch andere Persönlichkeiten genießen. Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach etwa war von 1870 an mehrmals zu Gast und vor allem vom Kloster St. Zeno und dem prächtigen Blick auf das Tal verzaubert. 1901 machte Psychoanalytiker Sigmund Freud mit seiner Frau und den sechs Kindern mehrere Wochen Urlaub am nahen Thumsee. Autor Erich Kästner dagegen logierte mitten im Epizentrum, im Hotel Axelmannstein, um 1937 von Bad Reichenhall aus die Festspiele in der Nachbarstadt Salzburg zu besuchen. Wie er das in der NS-Zeit angeordnete devisenlose Pendeln erlebte, beschrieb er in seinem Roman „Der kleine Grenzverkehr“ von 1938. 1961 kam mit der Begum, Ehefrau von Aga Khan und Fürstin, einer der großen Glamour-Stars der damaligen Zeit nach Bad Reichenhall. Sie residierte ebenfalls im Axelmannstein – und fühlte sich in der Fürsten­-Suite bestens aufgehoben.

Majestätische Erlebnisse im Hier und Heute

Vieles von dem, was in der Vergangenheit auf dem Programm der Prominenz stand, können Gäste in den Bädern mit den klangvollen Namen nach wie vor erleben. Anwendungen wie wohltuende Inhalationen, entspannende Bäder und heilsame Trinkkuren etwa, die inzwischen natürlich alle auf modernsten, medizinischen Stand gebracht sind. Dazu lassen sich wie zu Königs Zeiten ausgedehnte Spaziergänge in blühenden Kurgärten machen, während der Klang von Kurorchestern oder anderen professionellen Musik-Ensembles herüber weht. Auf die mondäne Architektur der Weltbäder ist man natürlich besonders stolz, die Bauten wurden und werden liebevoll renoviert und in Stand gehalten. Und so können wir in den Bayerischen Staatsbädern auch heute noch die eigene Gesundheit in den Fokus rücken, uns prächtig erholen – und uns zwischen royalem Flair kaiserlich wohlfühlen.

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